gabriel flückiger, kunstwissenschaftler/künstler
zur malerei «falten»

in ihrer malerei setzt sich susanne gutjahr seit langem mit der schnittstelle von tänzeischer bewegung und bild auseinander. es ist dies eine beschäftigung mit dem gestalterischen potenzial, das der übersetzung von tänzerischem ausdruck in bildformen innewohnt. als konzeptuelle und visuelle schaffensgrundlage hielt gutjahr mit gezeichneten modellfiguren einen von ihr choreografierten bewegungsablauf auf transparentpapieren fest, den sie anschliessend zu einem differenzierten formenrepertoire überarbeitete («falten I»).

ihre bewegungen überführte sie in mehreren abstrahierenden schritten von einer naturgetreuen darstellung hin zu schematisierend-minimierten – vereinfachten – figurativen zeichen, bewegten linien, geometrischen flächen sowie zur vollständigen auflösung durch die zusammenführung in einem dicken, pinselhaften strich. dieses ensemble von verschiedenen formen, welche alle aus dem bewegungsablauf entstanden sind – von gutjahr auch als «programm» bezeichnet –dienten ihr danach dazu, bildnerisch zu tanzen beginnen. gutjahr komponierte die unterschiedlichen notationselemente ihrer tanzsequenz auf einzelnen bildern neu: die naturalistisch-figürlichen umsetzungen wurden vervielfacht, überlagert und verdichtet; die zeichenhaften figuren gruppiert, verwoben und vergrössert, verändert. die geometrischen flächen zu rasterungen angeordnet. 
«falten I» zeigt sich als buch, welches ausgehend von einer abstrahierten bewegungsnotation die aufmerksamkeit auf den strich und den gestalterischen umgang mit der fläche richtet und dabei die ursprüngliche bewegung als echo in einem spiel von dichte und vereinfachung, sowie fülle und reduktion nachhallen lässt. die erarbeiteten bild-vokabeln, das rhythmisiert-kompositorische anordnen von linien, strichen und musterungen, die allesamt einer bewegtheit entstammen, leiten fortan gutjahrs künstlerisches denken. in unterschiedlichen konstellationen wird sie ihr formenrepertoire im werkkomplex «falten» anwenden, variieren und erweitern.
so bestehen die grossformatigen acryl-malereien der serie «falten II» (ab 1990) meist aus bandartigen linien, die sich zu einem bild seismografischer bewegung formen. einzelne pinselstriche werden streng parallel gesetzt um dies sogleich sukzessive mit eckigen einschüben aufzubrechen, verschiebungen im linienverlauf zu erzeugen und bis zur zerknüllung und auflösung einer klaren anordnung zu folgen. konsequent sind alle bilder schwarz auf weiss gehalten, womit sich die bildwirkung bewusst auf den bewegt-energetisierten zustand konzentriert.
diese erkundung der bildgestaltung führt gutjahr bei «falten IV» (2005/08/13) zu dickeren linien, welche wiederum dynamisch interagieren.

«falten IV» sind kompositionen, die sich auf die gegenüberstellung von zersplitterungen und kontinuität sowie (ab)brüchen und fortschritt einlassen. die malereien entwickeln aufgrund dieser visuellen vibrationen eine klanglichkeit, welche vergleichbar mit dem musikalischen staccato eine klare artikulation erzeugt. doch enthält das bild entgegen dem ton, der in die stille entflieht, eine gesetzte formung, welche sich dem blick immer wieder ausliefert. dieses spannungsfeld von präsenz und flüchtigkeit liegt gutjahrs künstlerische arbeitsmotivation zugrunde, wenn man bedenkt, dass das, was sich für die musik herausgebildet hat, für den tanz nie zustande kam: eine über jahrhunderte hinweg verbindliche notationsweise. 
im tanz dagegen gibt es kein standardisiertes referenzsystem, auf welches konventionell bezug genommen werden kann; umso prominenter wird dabei der individuelle künstlerische ansatz der notation – alle formen gehören untrennbar zur langjährigen beschäftigung mit bewegung und ihrer übersetzung ins bildnerische. es entstand dabei ein unverwechselbares, sehr persönliches notationssystem mit eigenständigen visuellen formulierungen.

von den amerikanischen abstrakten expressionisten der nachkriegszeit wird berichtet, dass deren malprozess ein sehr körperlicher, eruptiver und wilder gewesen sei. die malerei wurde zur arena der sensiblen empfindsamkeit und der malakt zur körperbetonten begegnung mit der leinwand. vergleicht man diese vorgehensweise mit jener von gutjahr, wird das bildprinzip letzterer umso deutlicher: auch die abstrakten expressionisten verstanden den malauftrag als spurensetzen, als resultat von bewegung, doch ist gutjahr in vielen arbeiten nicht ausschliesslich an einem authentischen, unmittelbaren ausdruck interessiert. ein werkkomplex wie «falten» besticht vielmehr aufgrund einer umsichtigen, sachten heranführung an momente der bildbewegung. das tempo des strichs ist jeweils tariert und entsprechend der bewegungsspuren, die die künstlerin gesucht, gewählt hat. 

ab «falten zoom» (2010/13) sind dies nun netzartige gebilde/gefüge/systeme/kompositionen, zellförmige strukturen, die weniger fliessende bewegung des einzelnen strichs als eher angespanntes verharren, eine topografie der spannung zeigen. 
die einzelnen musterungen, liniengefüge und strichsetzungen sind bei gutjahr immer über die ganze bildfläche realisiert, ein ‚all-over’, das bis an den rand geht und darüber hinaus erweitert werden könnte. mit diesem wandfüllenden aspekt bekommen die arbeiten etwas raumgreifendes, umfassendes.

dies entspricht der ganzen künstlerischen produktion, die in umfang, schaffenskraft, intensität und qualität zu einem umfassenden lebenswerk gewachsen ist.

text zu/aus der publikation kunstfutter gutjahr/marthaler




gabriel flückiger, kunstwissenschaftler/künstler
zur malerei/weitere werkgruppen «falten»
die neue serie, die werkgruppe ensembles1/2/3/4 «falten-zoom/pink» schliesst an ihr bisheriges werk an, das sich seit mehreren jahrzehnten mit der schnittstelle von tänzerischer bewegung ins bild auseinandersetzt. 

die grelle farbgebung der aktuellen werkreihe gebärdet sich ausgelassen, laut, lebendig, ja fast schon mit fröhlichem beiklang, doch steht die intensive kolorierung der bilder für die künstlerin vielmehr einem elegischen, empfindsamen und sensiblen ausdruck des schmerzhaften nahe – ein aufschrei der farbe. ein emotionaler umstand, den die formfindungen zusätzlich betonen, die netzstrukturen sind kleinteiliger, wenig flexibel. im besonderen lassen die ausformungen/formbildungen verrenkungen, verkrümmungen von körperteilen oder der wirbelsäule imaginieren und so die vergänglichkeit des körpers ungeschönt reflexive qualität der bilder werden. 

auch die bilderserie «falten zoom III/6» ist für die künstlerin bildliche analogie vergangener beweglichkeit des eigenen, tanzenden körpers. das engmaschige netz suggeriert nicht mehr elastizität wie ehemals, sondern erstarrung und versteifung, ein muskelgewebe, das sich nicht mehr freiheitlich formen lässt. so überdeckt denn auch ein weisser schleier die silberne struktur, macht die bilder zum melancholischen, leisen, fernen echo ehemaligen tänzerischen glanzes.

 


«falten/tableaux rouges»
in der werkreihe «falten/tableaux rouges» wird die netzinnenform als eine in sich erstarrte binnenstruktur interpretiert. durch eine kraftvolle vergrößerung sowie gezielte farbliche und formliche überlagerungen wird diese starre konstellation scheinbar aufgelöst und aufgebrochen. das werk erzeugt eine dynamische spannung, die im widerspruch zum inhaltlichen kontext steht: es verbindet statische ordnung mit lebendiger bewegung. die überlagerungen und die vergrößerten formen schaffen eine plastische tiefenwirkung und eine suggestive transformationsdynamik - die komposition balanciert zwischen stabilität und fluidität.



«falten/segment»

durch die segementierung der kontur der innenformen wird die werkserie weiterentwickelt. die komposition wirkt dynamisch: obwohl die fragmentierung den eindruck von bewegung vermittelt, offenbart sich bei genauerer betrachtung eine gestörte und unterbrochene bewegungsführung, die durch die bewusste zerstückelung der kontur der gesamtform akzentuiert wird. diese disruption wird zusätzlich durch die überlagerung weißer streifen verstärkt, welche die bruchlinien innerhalb der bildgestaltung markieren. 




gabriel flückiger, kunstwissenschaftler/künstler
zur malerei «grosny» 
daneben gibt es werkserien, welche sich von dieser herangehensweise lösen und einem expressiveren schaffen näherkommen. 
bei «dazwischen» (2008/09) sollte die bildgenerierung weniger gedacht oder choreographiert als vielmehr aus dem moment heraus entstehen. der pinselduktus der serie wirkt weich-kräuselnd und die bilder entsprechen dem blick auf ruhende gewässer, das wiegend licht reflektiert.
«ciel bleu» (2008/9), eine ebenfalls freier konzeptionierte werkserie, arbeitet mit bildtiefe und zeigt abgerundete hellblaue, gelbe und schwarze quadrate, welche sich hinter einer schimmernden pinselstrich-verschleierung zu ausblicken in farbräume entfalten, gedeihen.

neben «dazwischen» und «ciel bleu» existiert mit «grosny» (2007/08/razoni 2022) eine weitere bildfolge, die sich vom bewegten strich der bild-choreographie löst und darüberhinaus einen konkreten bezug zur gesellschaftlichen aussenwelt beinhaltet. in flächig-mehrschichtigen, teils aggressiven, teils zerrinnenden abstaktionen, die von den radioberichterstattungen über den zweiten tschetschenienkrieg (und weiteren kriegen und krisenherden) inspiriert sind, wird ohne illustrativen oder erklärenden charakter eine dringlichkeit evident, die die malerei als gefüge aufwühlender zerrissenheit zeigt. 




konrad tobler, kulturjournalist/kunstkritiker
über das werk von susanne gutjahr
sie ist freischaffende künstlerin und fotografin. ihre werke wurden zum beispiel in den museen von neuenburg und la chaux-de-fonds und in verschiedenen galerien gezeigt. 2001 publizierte sie einen grossformatigen bildband mit fotografien:  «be rockt – ein bildband zur berner rockszene». es sind nahe, authentische aufnahmen, sie sind voller bewegung. es treten auf: züri west, stephan eicher, dann auch polo hofer und büne huber, span, die shoppers und stiller has. wie einmal geschrieben wurde:  «die berner szene live: in ihren fotosequenzen montiert susanne gutjahr konzerte, die an verschiedensten orten stattfanden, zu einem einzigen grossen festival». 

textauszug zu/aus der publikation kunstfutter



francesco micieli, schriftsteller/dozent
zum fotografischen werk 

stillgestellte träume

der blick der fotografin&künstlerin susanne gutjahr auf die bernischen pop-grössen ist wie die offenlegung eines bubentraumes. vor allen möglichen spiegeln gestanden, um die idole nachzuahmen, deren blick, deren körperhaltung, deren ausdruck. der spiegel reagierte gereizt darauf. bei den vorliegenden fotografien ahnt man diese träume und den traum der abgebildeten, die jetzt selber auch nachgeahmt werden. diese fotografien haben das für uns stillgestellt. 
das macht ihre besonderheit aus.

text zu/aus der publikation kunstfutter



konrad tobler
traumbilderbogentraum

vor uns öffnet und entfaltet sich mit den kunststoffen von susanne gutjahr und peter marthaler ein bilderbogen von mehr als zweihundert bildern. würden die zweihundert bilder in einer kunstausstellung präsentiert, so spräche man von einer grossen ausstellung, für die man sich viel zeit nähme (mehr als die statistischen 19 sekunden, die gemäss untersuchungen bei einem museumsbesuch im schnitt für ein kunstwerk „aufgewendet“ werden). dieser fiktiven vorstellung sind weitere quantitative befunde beizugesellen, etwa rein technische: die bildfrequenz in einem film beträgt bekanntlich mindestens 24 bilder pro sekunde, bei computergames ­ von denen ich keine ahnung habe – sind es deren 240 fps, frames, also bilder, pro sekunde. wahrnehmungsphysiologische und psychologische zahlen gehen davon aus, dass sechzig- bis achtzigtausend gedanken pro tag durch unser gehirn blitzen, technizistisch gesprochen sind das elf millionen bits pro sekunde, davon jedoch, glücklicherweise, nur 0,1 prozent derart, dass wir uns dessen bewusst sind.

(das waren bisher 135 wörter oder 815 zeichen – wie viele gedanken?)

 warum all diese zahlen? weil die kunststoffe wirken, als ob es unmöglich wäre, die fülle der eindrücke, die sich da entfalten und öffnen, bild nach bild nach bild nach bild zu erfassen, geschweige denn auf einen begriff zu bringen. und eben das ist das schön-irritierende dieses bilderbogens. man taucht in die bilderwelt ein, lässt sich in und von ihr treiben wie in einem fluss. wie wenn man in der eisenbahn sässe und zum fenster hinausschaute (peter marthaler würde wohl eher eine lange fahrt auf dem motorrad unternehmen). als ob man stundenlang durch eine fremde stadt streifen würde (susanne gutjahr entdeckte da leere hallen, auf mauern und an bäumen aber auch flechten und moose). wie wenn man dabei mit den augen blinzeln würde. immer von neuem erstaunt vom neuen. von überraschenden, unerwarteten eindrücken.

lassen wir also die augen schweifen und dabei den zwang und drang ablegen, sofort zusammenhänge herzustellen, ja eine durchgehende geschichte zu konstruieren. denn erst so und nicht in einer ordnung des (bildnerischen) erzählens ergibt sich paradoxerweise der sinn der kunststoffe. sie sind eine anordnung von stoffen, von einzelnen werken, aus denen das kunstwerk erst entspringt. 

derart ist der bilderbogen des künstlerpaares gutjahr/marthaler beschaffen: herausfordernd, irritierend, poetisch, plakativ, hintersinnig, raffiniert, ästhetisch gewagt, gekonnt. kunststoffe ist – nach der 2020 erschienenen bilderkassette kunstfutter – eine art quintessenz der langjährigen zusammenarbeit und auseinandersetzung mit verschiedensten bilderwelten und -findungen. es verbinden sich die fotografien, malereien und zeichnungen von susanne gutjahr mit den comics von peter marthaler.

bisher unhinterfragt blieb der begriff «bilderbogen», der gewissermassen als umschreibung einer ästhetischen gattung gesetzt ist. nach gängiger definition besteht ein bilderbogen meist aus mehreren bildern, die lose assoziiert oder auch nach einer eigenen logik geordnet sind; diese logik kann gegensätzen – wie vorher/nachher – oder gespannten dialektischen steigerungen folgen.

historisch gehören zu den vorgängern der bilderbogen flugblätter – religiöser oder politischer art –, aber auch guckkastenbilder, die als geschichten oder moritaten die sehlust und die neugierde der leute befriedigten. die komischen streifen, angefangen mit den zeichnungen von rodolphe toepffer oder grandville und wilhelm busch bis hin zu den comic strips, gehören selbstverständlich ebenfalls zu den bilderbögen. (das ist ein arg verkürzter bilderbogen über die geschichte der bilderbögen.)

hier setzen die kunststoffe mit den bandes dessinées von marthaler an, die in die bilder von gutjahr eingeflochten, in die gutjahrs bilder hineinkomponiert sind, zusammengefügt wie eine fuge, teils analytisch-formal, teils assoziativ-spielerisch – oder dann hart montiert.

dies musikalische klingt an in den immer wieder aufscheinenden konzert-fotografien gutjahrs. sie geben einen ton, einen klang, einen akkord an. sie verweisen auf eine verfahrensweise, die der bilderfolge zugrunde liegt: es ist das rhythmische, zu dem lautere und leisere töne gehören ebenso wie harte brüche, pausen und weiche übergänge. motorengeräusch geht über in leises wellen, rock’n’roll in tanzende, tastende, lyrische bewegungen. elegisches wechselt zu dokumentarischem, dunkles folgt hellem, rätselhaftes dem luziden.

je länger ich durch die kunststoffe blättere – sei es von vorne nach hinten, sei es hin und her – desto traumhafter wird das werk. genauer: es wird traumartiger. wie im traum gibt es ein erhaschen von zipfeln einer durch und durch stimmigen geschichte, die jedoch gleich wieder von anderen, weniger eindeutigen bildern überlagert wird, sich verflüchtigt, wieder kondensiert. und wenn ich mich frage, was ich gesehen, ja erlebt habe, so weiss ich nur, dass ich von einem tagtraum unmittelbar in eine traumwelt gewechselt habe. und dass ich mich mit gutem gewissen – nicht etwa aus angst vor voreiligen schlüssen – auf keine traumdeutung einlassen kann oder will.

so entgleiten die kunststoffe ins surreale (nicht jedoch ins surrealistische). real sind sie, indem sie wahrnehmungstheoretische aspekte indirekt kritisch hinterfragen: wie viele gedanken-bilder lösen sie pro sekunde, pro minute, pro stunde aus?

text zu/aus der kunstpublikation kunststoffe gutjahr/marthaler



konrad tobler 
über das werk von susanne gutjahr und peter marthaler

pas de deux mit bildern
bang macht es. und das auto rast kurvend in bester, in gekonntester comic-manier davon. bang. und das nächste bild: eine fotografie, die einen kleinen altar zeigt. ohne bang geht es so weiter, von bild zu bild, schlag auf schlag sozusagen. oder auch leise. comicwelten treffen auf subtile malereien, auf denen vielschichtige, ungegenständliche strukturen zu sehen sind; diese erinnern manchmal an palimpseste, also an überschriebene schriften, manchmal wecken sie assoziationen an landschaften, freilich von ferne; auch biomorphes lässt sich erahnen, bewegungen der hand, der augen. dann tritt, bevor wir in die gewölbe einer garage treten, stefan eicher auf die bühne. immer wieder automobile, auch verrottete. treppauf, treppab. architekturen. dann riwest, und darunter, unverkennbar, kuno lauener.

ein durcheinander? ein wirrwarr? mitnichten. höchstens ein verwirrspiel, das sich nicht so leicht lösen lässt. und eben das ist das faszinierende, spannende, spannungsvolle. denn hier treffen zwei kunstwelten aufeinander. besser: sie verschränken sich, sie umspielen und umtänzeln sich, die werke von susanne gutjahr und peter marthaler.

sie ist freischaffende künstlerin und fotografin. ihre werke wurden zum beispiel in den museen von neuenburg und la chaux-de-fonds und in verschiedenen galerien gezeigt. 2001 publizierte sie einen grossformatigen bildband mit fotografien: «be rockt – ein bildband zur berner rockszene». es sind nahe, authentische aufnahmen, sie sind voller bewegung. es treten auf: züri west, stefan eicher, dann auch polo hofer und büne huber, span, die shoppers und stiller has. wie einmal geschrieben wurde: «die berner szene live: in ihren fotosequenzen montiert susanne gutjahr konzerte, die an verschiedensten orten stattfanden, zu einem einzigen grossen festival».

peter marthaler ist ein kongenialer zeichner in der tradition der bandes dessinées. kaum etwas, so scheint es, kann er nicht in die sprache der besten comics umsetzen – ob architekturen, logos oder emotionale szenen voller gesten und mimik. das erscheint wie von leichter hand gezeichnet, geradezu beschwingt, ist aber das resultat langer, genauer beobachtungen – und einer sicheren hand. fast möchte man all die skizzen einmal sehen, die zu diesen resultaten geführt haben. marthalers tätigkeitsfeld ist gross. es reicht von der werbung für renommierte marken bis zur gestaltung von messeständen, von arbeiten für bundesbetriebe bis zu freien szenerien. sein können wurde auch international anerkannt: in brüssel, hauptstadt nicht nur europas, sondern auch des comics, hat er ganze tramzüge mit grossen zeichnungen bebildert.

diese beiden welten kommen nun als drucksache zusammen. susanne gutjahr und peter marthaler sind seit jahren ein paar. sie arbeiten im selben haus, sie haben jeweils ein eigenes atelier. sie sind ein künstlerpaar, aber nicht im sinne der engen zusammenarbeit an einem werk. die zusammenarbeit besteht im austausch, in der kritik. die werke der beiden sind so verschieden, wie zwei menschen verschieden sein können. und doch gibt es diese gemeinsamkeit, die vermutlich nicht in worte zu fassen ist.

was also geschieht, wenn zwei verschiedene kunst-welten zusammentreffen? wenn fotografie mit zeichnung mit malerei in relation mit bandes dessinées treten? wenn in konstellationen brücken über jahre, ja jahrzehnte geschlagen werden?

es öffnet sich ein vielstimmiger dialog; assoziationen werden geweckt und wieder verschoben, erinnerung und gegenwart überlagern sich. faltungen entstehen, die dinge aufeinanderlegen. zufälle lassen einfälle zufallen. das spiel der bilder ist vergleichbar mit einem sich ständig wandelnden kosmos. oder einem kaleidoskop, das in jedem moment für überraschungen sorgt – und bei dem man beim betrachten den augenblick festhalten möchte, um zu erzählen, was man sieht, was geschieht. die erzählung jedoch ist eine, die sich unter der hand verändert.

derart ist das gemeinsame werk von susanne gutjahr und peter marthaler beschaffen. ihre beiden verschiedenen künstlerischen prozesse werden in einer form verschränkt, die selbst wieder einen prozess auslöst. die leporellos (und einzelblätter) liegen lose in einer schatulle. sie lassen sich auffalten und verschieben, neu ordnen, anders anordnen. fix, weil als fertig betrachtet, sind die einzelnen bilder. diese sind in sich ruhende kompositionen, in die sich der blick vertiefen mag. um dann gleich weiter zu schweifen zu einem anderen bild. dann eine kleine verschiebung der bilder: das bild, in das man sich zuvor vertieft hat, erhält im neuen kontext eine andere bedeutung.

so spiegelt sich augenfällig – und zugleich unaufdringlich – ein prozess der alltäglichen wahrnehmung: ein bild ist immer umgeben von bildern, ist ein bild von bildern. unser blick ist ein unruhiger, die augen bewegen sich, selbst bei höchster konzentration, von einem punkt zum anderen. nur so ist es möglich, in all den teilen ein (teil-)ganzes zu sehen. das hat nichts mit der viel beschworenen bilderflut zu tun, sondern mit dem prozess der versuchten welt-aneignung; kaum meint man, sich vergewissert zu haben, ist manches, und seien es kleinigkeiten, bereits wieder anders. und sei es, dass man unwissentlich den kopf leicht geneigt hätte.

das kunstfutter mit den rund 200 ausgewählten bildern aus über dreissig jahren schaffen bietet viel freiheit – und vor allem nahrhaftes futter für die augen und für die assoziationslust. und wer appetit auf mehr hat, verschiebt einfach die bilder nochmals und nochmals.

vollständiger text zu/aus der kunstpublikation kunstfutter gutjahr/marthaler 



bernhard giger, fotograf/filmemacher/journalist 
zum fotografischen werk/konzertdokumentation 

 

«d rosmarie u i» und «louenesee», «bälpmoos» und «i schänke dr mis härz» sind evergreens der schweizer rockmusik - ohne weiteres liesse sich die aufzählung der berner songs weiterführen, die über die zeit hinaus bestand hatten. die unvergessen blieben, weil sie zu fixpunkten mancher biografie wurden: zum ersten joint drehten auf dem plattenteller rumpelstilz ihre runden, züri west waren da, wenn man die orientierung zu verlieren drohte, mit patent ochsner teilte man das fernweh – und alle fanden immer wieder die richtigen worte, wenn man allein und vom liebeskummer geplagt war. 

die berner mundart-bands erzählen geschichten, in denen man eigene erfahrungen und empfindungen wiedererkennt, die diese erfahrungen und empfindungen erst richtig auf den punkt bringen.

was statistiken und wissenschaftliche studien nicht zu vermitteln vermögen, weil sie die emotionen ausklammern, bietet der berner rock: ein vielschichtiges, aber genaues bild des zeitgefühls.

die fotografien von susanne gutjahr sind in den vergangenen 3 jahren entstanden. 
zuerst fotografierte die künstlerin, die als dozentin an der schule für gestaltung bern tätig ist, einige züri west-konzerte. danach die ganze tournee der band. und dann stand sie auch bei den andern am bühnenrand: polo hofer und büne huber, bei stephan eicher, span, den shoppers und stiller has. 
oftmals waren auch gäste mit auf der bühne: sina, hank shizzoe, hanery amman, housi wittlin, schifer schafer, toni verscoli und andere.

die berner szene live: in ihren fotosequenzen montiert susanne gutjahr konzerte, die an verschiedenen orten stattfanden, zum einen grossen festival. 
bern bebt, bern ist be rockt.


text zu/aus der kunstpublikation be rockt gutjahr



manfred schiefer, chefredakteur
zur konzertdokumentation 

authentisch, kraftvoll und dynamisch: be rockt zeigt die bekanntesten und besten schweizer rockbands in energiegeladenen bildern. von stephan eicher bis züri west – und natürlich alle andern auch.

was mit züri west begann, wurde zu einer reise durch die gesamte berner rockmusikszene. so sind alle ernsthaften musiker vertreten, stephan eicher, polo hofer, büne huber, span, stiller has, züri west und andere mehr.

susanne gutjahr hat vor allem live-auftritte fotografiert. ihre bilder strahlen die dynamik eines live-konzerts aus. sie sind so unbändig wie kuno lauener, so ungeschminkt wie endo anaconda und dabei so feinfühlig wie stephan eicher. neben den aufnahmen der bühnenshow fängt gutjahr die stimmungen beim soundcheck, bei proben und backstage ein. die fotografien in be rockt sind mehr als eine kunstvolle dokumentation zahlreicher live-auftritte der besten schweizer rockbands. 
susanne gutjahr zeigt sie in noch nie gesehenen bildern. (textauszug)



francesco micieli
sprachen – stoffe 

ich dürfe etwas drittes zur ausstellung von susanne und peter hinzufügen. 

eine geschichte. einen gedanken. eine rede.

 

lange  habe ich auf einen text gewartet, der vielleicht einen, oder mehrere aspekte ihres werks besprechen, zeigen oder beleuchten würde. es wollte sich aber nichts richtiges einstellen. dann habe ich mir, um mich zu beruhigen, gesagt: «ja, das zeigt dir, du sollst den blick der anwesenden nicht lenken oder gar bevormunden». und so war ich offener für andere begegnungen und folgende gehörte geschichte kam aus der erinnerung zu mir.

 

die schauspielerin lilith stangenberg hat bei der vorbereitung auf ihre rolle im film wild von 2016 – wölfe beobachtet und zwar in einem freilandgehege – begleitet von einem profi.

sie berichtet wie sich nach einer gewissen zeit die beobachtung einstellte, dass die tiere, die in ihrem rudel scheinbar richtungslos hin und her rennen – und sie dabei nicht weiter beachten –, fast ständig einander mit irgendeinem teil ihrer körper berührten. sie stupsten, sie streiften aneinander vorbei. und jedes mal sei die berührung – so wie sie das verstand – unterschiedlich gewesen. 

 

und aus der art, wie sie es taten, schloss sie, dass das nicht in erotischer absicht geschah.

 

dieses berühren, tasten, einander-anstoßen, aufeinander-zu-rennen, davonrennen ist dagegen eher ein «netz». man müsste die strecken, auf denen sie sich einander näheren und dann wieder rituell entfernen, nachmessen und eine skizze davon anfertigen. vielleicht hätte man dann «die sprache der wölfe». 

 

je länger sie das geschehen beobachtete, desto häufiger schien ihr die abfolge der berührungen. vermutlich lag das daran, dass sie es bemerkte, weil sie das raster erkannt hatte.

das raster!

wenn eines der tiere seinen ort wechselt, antworten die anderen tiere auf diesen ortswechsel. die orte, die sie besetzt halten, sind sozusagen ihre sätze, absätze, und der tagesverlauf sind die kapitel, vergleichbar einem roman. das stupsen, das vorüberlaufen und dabei kurz-die-flanke-anstoßen, das rasche vorübergleiten am fell des anderen, das sind die wörter. 

 

die wölfe haben ihre sprache, nur sitzt sie nicht in ihrer kehle.

 

was ich von susanne und peter kenne und auch hier in dieser ausstellung sehe, hat auch metaphorisch gesprochen mit bewegungen, berührungen, fell an fell, strich an strich, fläche an fläche, farbe an farbe zu tun.

auch dies eine sprache, die nicht von der kehle kommt.

eine sprache aber, die uns ansprechen und berühren will und es auch tut.

geschichte zu der ausstellung bilderbilder gutjahr/marthaler




 







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